Esther Filly & Dethy Borchardt

Bei einem Besuch im Theater steht immer das unmittelbare Erlebnis der Veranstaltung im Vordergrund. Das ist der Kitzel, der Antrieb, die Faszination: Live dabei zu sein!

Tja, und dann kam COVID-19… 

Alle Theater schließen, Künstler sitzen praktisch nur zu Hause und warten, warten, warten, dass sie endlich wieder auftreten können. Theater, Konzerthallen und Museen versinken im Dornröschenschlaf.

(Das Foto von Esther Filly und Dethy Borchardt zeigt, dass im Kulturbahnhof Cloppenburg vor Weihnachten 2020 noch etwas los war...)

Bis es den ersten Künstlern in der Pandemie zu dumm wird. Sie wollen auftreten, wenn´s auch nur auf dem eigenen Balkon ist. Tatsächlich fing es mit Musik vom Balkon an:

Mehr und mehr Musiker und Schauspieler entdeckten das Internet. Ganze Ensembles und Orchester spielten - jeder für sich - zuhause ein Musikstück und stellten es als gemeinsames Konzert virtuell ins Internet. Ein neuartiges Angebot, das Schule machte.

Zuerst war alles noch recht experimentell, dann begannen die größeren Konzerthäuser und einige Theater digitale Konzepte zu entwickeln. Für die digitalen Produktionen wurden erstmals Karten für die Online-Übertragung der Vorstellung verkauft. Damit erhielten die Zuschauer zu einer bestimmten Zeit Zugang zur Premiere und zum späteren Streaming.

So entwickelte sich plötzlich in dem ansonsten eher konservativen Theatersystem durch Corona eine neue Art, Kunst zu erleben. 

Digitale Kunst unterstützt die Künstler

Digitale Kunst ist für viele Menschen keine attraktive Alternative. Weil die Künstler aber ohne Arbeit und Einkommen kein Auskommen haben, waren Corona die Künstler aus der Not heraus gezwungen, sich mit dem digitalen Raum und der Frage „Wie kann ich mich in diesem Medium darstellen?“ auseinanderzusetzen. Damit bedeutet das Internet nun eine Möglichkeit, wieder künstlerisch aktiv zu werden und Einkommen zu generieren.

Wenn man bedenkt, dass das Theater seit Jahrhunderten seine Strukturen kaum verändert hat, war es geradezu eine Revolution, plötzlich die Digitalisierung des Theaters voranzutreiben. Corona wirkte quasi als Brandbeschleuniger.

Künstlerische Darbietungen, die gefilmt und über eine Video-Plattform im Internet angeschaut werden können, sind ein eigenartiges Erlebnis, weil das Gefühl fehlt, selbst dabei zu sein. Dass da etwas fehlt, gilt übrigens nicht nur für das Publikum, denn das Theater ist leer, wenn die Künstler auf der Bühne agieren. Trotzdem ist es besser, als gar nicht auf einer Bühne stehen zu dürfen. 

Mit dem Bezahlen gibt es aber noch einige Probleme. Denn viele digitale Angebote sind kostenfrei. Das Publikum ist oft nicht bereit, für digitale Darbietungen zu zahlen, weil man eben kein „echtes“ Live-Erlebnis hat. Einerseits ist die Bereitschaft groß, Künstlern in der Corona-Krise zu helfen. Andererseits erkennt man in der Bezahlung von Online-Angeboten offenbar nicht die Unterstützung der Künstler, sondern lediglich die Gebühr für etwas, das wenig wert ist, weil es eben immer wieder angeschaut werden kann.

Deshalb gibt es heute Bezahlmodelle, die auf freiwilliger Basis beruhen, d.h. der Zuschauer gibt eventuell etwas oder auch nicht oder es werden deutlich niedrigere Preise verlangt als bei einem Besuch im Theater oder Konzert.

Inzwischen können wir im Internet viele verschiedene Theaterstücke bequem vom Sofa zu Hause anschauen. Das Theatermagazin „Die Deutsche Bühne“ vom Bundesverband der Theater und Orchester veröffentlicht alle Termine.

Tickets gibt es häufig zwischen 5 und 10 Euro, viele Vorstellungen sind aber auch kostenfrei.

Das Digitale ist längst kein Nebenschauplatz mehr

Tatsächlich haben sich auf Initiative des Staatstheaters Augsburg gerade 15 große Theater im deutschsprachigen Raum verbündet, um an der „gesamt-theatralen Strategie“ der Häuser zu arbeiten. Mehr dazu kann man auf der gemeinsamen Webseite der Initiative erfahren.

Damit wird deutlich, dass sich nicht nur die Freie Theaterszene mit digitalen Formaten beschäftigt, sondern auch die konventionellen Theater digitale Formate auch über die Pandemie hinaus als Bestandteil ihrer Programme weiter entwickeln wollen.

Das kommt auch dem Publikum entgegen. Denn das Staatstheater Augsburg hatte z. B. ein Angebot in der Pandemie, das mithilfe einer Datenbrille ermöglichte, bei einer Aufführung sogar direkt auf der Bühne mit dabei zu sein. Es gab so rege Nachfrage nach diesem Angebot, dass die Theaterleitung beschlossen hat, es auch nach der Pandemie weiterhin anzubieten. Dann können auch Kunstliebhaber eine Premiere erleben, die nicht ins Theater kommen können.

Man sieht: Digitale Angebote sind auch ein neuer Service!

Nachdem der deutsche Bundestag jetzt das Infektionsschutzgesetz erweitert hat und nun bundesweit einheitliche Regeln gelten, werden digitale Angebote in der Kulturszene wohl in vielen Städten die einzige Chance für Kulturerlebnisse bleiben. Denn sämtliche kulturelle Veranstaltungen sind verboten, wenn die Inzidenz drei Tage hintereinander den Wert von 100 überschreitet. 

Für Cloppenburg bedeutet das leider nichts Gutes, weil wir trotz seit Wochen verschärftem Lockdowns immer noch eine Hochinzidenz-Kommune sind…

Kultur-Experiment im Kulturbahnhof Cloppenburg

Ende 2020 hat der Förderverein Kulturbahnhof Cloppenburg e.V. dem Kulturforum der Stadt Cloppenburg ein Konzept für sechs verschiedene Live-Musik-Auftritte im Kulturbahnhof vor und nach Weihnachten vorgestellt. Das Ziel war erstens, dem Publikum in der durch Corona stark beeinträchtigten Weihnachtszeit Freude zu bereiten. Zweitens sollte die Aktion an den Kulturbahnhof erinnern, der sogar in der Pandemie Kultur im digitalen Raum möglich macht.

Das Konzept wurde ausdrücklich begrüßt und die Umsetzung genehmigt. Die Finanzierung erfolgte durch das Kulturforum Cloppenburg und den Förderverein.

Für jeden Adventssonntag, den 1. Weihnachtstag und den Neujahrstag wurde ein Auftritt im Kulturbahnhof aufgenommen, der etwa 25 Minuten dauerte und über YouTube am jeweiligen Tag als kostenfreier Beitrag bereitgestellt wurde.

Insgesamt 14 Künstler hatten die Gelegenheit, nach Monaten wieder auf einer echten Bühne auftreten zu können. Die Künstler kamen aus dem Nordwesten, waren begeistert und auch mit der Gage für ihren Kurzauftritt zufrieden. Neben Pop-Musik gab es Rock-n-Roll, klassische Musik, Gospel-Pop und eine Erzählung mit musikalischer Begleitung, um möglichst für jeden Geschmack etwas zu bieten. Hier der Link zum YouTube-Kanal.

Diese Video-Aktion war ein sechsfaches digitales Kultur-Experiment – inklusive technischer Hemmnisse –, aus dem wir einiges gelernt haben:

  1. Die Vorbereitung der Technik, der Bühnen-Aufbau und die Tonabstimmung sind aufwändiger als die digitale Aufzeichnung der Veranstaltungen.
  2. Der zeitliche Aufwand und die Regie waren auch für die ehrenamtlich Engagierten überschaubar, weil die eigentlichen Akteure vor und hinter der Kamera Profis waren.
  3. Digitale Medien wie die Webseite des Kulturbahnhofs, der Newsletter, Google MyBusiness, Facebook, Instagram und YouTube messen genau, wie häufig die Ankündigungen der Videos und die Videos selbst gelesen und angesehen wurden.
  4. Mit einem Mix aus digitalen Medien und analogen Veröffentlichungen in der Regional-Presse erzielte die Video-Aktion eine unerwartete Reichweite.

Tatsächlich wurden insgesamt fast 20.000 Nutzer digital über das Internet und über die Presse eine Leserschaft von weiteren fast 27.000 Abonnenten erreicht. D.h. mehr als 47.000 Personen haben unsere experimentelle Video-Aktion in der Zeit vom 29.11. 2020 bis 1.1.2021 verfolgen können. Wie wichtig die Sozialen Medien sind, zeigt, dass über diese Kanäle 50% aller digitalen Nutzer erreicht wurden, also rund 10.000 Personen. Die mit der Aktion insgesamt erzielte Reichweite ist sehr erfreulich, weil sie den Bekanntheitsgrad des Kulturbahnhofs gefördert hat.

Was meint das Stamm-Publikum des Kulturbahnhofs zu digitalen Kultur-Angeboten?

Im März 2021 haben wir das Publikum des Kulturbahnhofs gefragt, wie sie sich gerade fühlen und ob sie digitale künstlerische Angebote nutzen. Der Fragebogen wurde mit dem Newsletter an über 450 Empfänger gesendet. Die Rücklaufquote lag bei 11%; eine Antwortquote zwischen 2,5 und 10% wird von Fachleuten als gutes Ergebnis bezeichnet. 

Es überrascht nicht, dass 82% unseres Publikums vor allem die Begegnungen mit Freunden und Restaurantbesuche vermissen.

70% wollen sofort wieder ins Theater, ganz egal ob sie Maske tragen müssen oder nicht. 

Die Besucher des Kulturbahnhofs bevorzugen mehrheitlich das direkte Theater-Erlebnis, jeder Dritte nutzt aber auch digitale Angebote: 

36% schauen Musik-Videos oder Filme im Internet.

30% besuchen die KuBa-Webseite, weil sie den KuBa-Newsletter lesen.

38% haben die 6 Videos angeschaut, die der Kulturbahnhof über YouTube angeboten hat.

Diese Zahlen machen deutlich, dass digitale kulturelle Angebote auch in unserer Region genutzt werden und für die Zukunft das Potential für weiteres Wachstum haben. Wenn man bedenkt, dass das Kern-Publikum des Kulturbahnhofs pro Jahr etwa 10.000 Besucher umfasst (vor Corona), dann wurden zusätzlich 10.000 Personen nur über Soziale Medien erreicht, die sehr wahrscheinlich noch nie eine Veranstaltung im Kulturbahnhof erlebt haben. 

Möglicherweise sind diese Menschen eher mit digitalen Angeboten zu erreichen und lernen dadurch, dass der Kulturbahnhof - nach Corona - auch für "echte" Veranstaltungen interessant ist, bei denen man selbst dabei sein kann.

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